Erster
Einsatz am 2.September, 3. Brett, 4. Mannschaft vom Schachklub.
Freundlicher, starker Gegner, es entwickelt sich eine Partie, die
richtig Spaß macht und für meine Verhältnisse sogar gute Ideen
enthält . Einziger Wermutstropfen: Ich hab verloren. Ach ja, die
Radieschen wachsen halt nicht in den Himmel, auch in der Kreisklasse
läuft nicht alles rund. Philosophische Ausbeute: Schach widerlegt
den Volksmund. Der zweitdümmste Bauer erntet die dicksten
Kartoffeln.
Mit Tönen spielen, mit Holzfiguren (Schach) und jetzt mit Sprache: Die Gedankenmuster dürften sich ähneln, denn die Fehler sind alle schon da, sie müssen nur noch gemacht werden.
Montag, 3. September 2012
Sonntag, 26. August 2012
GEISTERFAHRER
Wird
es richtig heiß in unseren Breiten, machen die Menschen schlapp. Für
MS-Patienten ist Hitze nicht ungefährlich, wir sollten uns
verkriechen und auf freundliche Wolken und aufmunternden Regen
warten. An einem heißen Tag mußte ich zu einer Beerdigung. In der
Friedhofskapelle war es kühl, in meinem Rolli sitzend konnte ich es
aushalten.
Der
Gang zum Grab, auf Kieswegen in praller Sonne, war aber zu gewagt.
Ich blieb allein in der Kirche zurück, im Halbschatten nahe dem
Eingang. Ein verspäteter Trauergast erschien in der Tür und blickte
sich suchend um. Freundlich und mit leiser Stimme, dem Ort
angemessen, sprach ich ihn an und erklärte ihm, auf welchem Weg er
die Gemeinde finden würde. Er bedankte sich und eilte davon, aber
die Unruhe in seinem Blick ließ in mir den Gedanken aufkommen, er
hege den Verdacht, daß im Lauf des Tages eine Trauergesellschaft die
Leiche nach der Aussegnung in der Kapelle vergessen hat, als sie sich
auf den Weg zum Grab machte. Manchmal sehe ich offenbar so aus, wie
ich mich fühle.
Mittwoch, 15. August 2012
KATZENKRAUT
Auf
der Dachterasse stehen Blumenkübel mit Küchenkräutern. Beide
Katzen lieben es, darin herum zu buddeln und ihr Geschäft hinein zu
machen. Fluchen hilft nicht, und einzäunen auch nicht. Wenn es
Kartoffeln und Gemüse aus dem Backofen gibt, mit Rosmarin aus
eigenem Anbau, freu ich mich jedes mal, meine Frau kocht
ausgezeichnet, und es schmeckt hervorragend. Ob es phantasielosen
Menschen noch besser schmeckt?
FERNWEH
Professor
Harald Lesch hat mich in einer Folge von „Alpha-Centauri“
überzeugt:
Das
wichtigste Weltraum-Unternehmen der Menschheit war der Flug von
Apollo 8.
Zum
ersten mal wurde unser Planet aus einer Entfernung gesehen und
photographiert, die erahnen läßt, wie klein und einsam die blaue
Kugel im All schwebt. Das Bewußtsein der Menschen begann sich zu
verändern. Wie ein filigranes Juwel, sagen die einen, wir sollten
auf Zehenspitzen herumlaufen,, ganz leise und vorsichtig, es wäre
eine Sünde, wenn etwas kaputt geht. Wie eine schöne Frucht, sagen
andere, wir sollten den Saft herauspressen, es wäre eine Sünde,
solch ein Geschenk liegen zu lassen und den Reibach nicht zu machen.
Hier
liegt die Wurzel der Globalisierung, die Erfindung des Zwischennetz´
(dt „Internet“)
mit
planetarer Omnipräsenz war folgerichtig. Der Weltbürger ist überall
zugleich, ob in Peking das sprichwörtliche Fahrrad umfällt oder in
Saarbrücken der Reis überkocht, alles findet seine Beachtung, rund
um den Globus. „Auf den Schirm!“ befiehlt Captain Picard auf der
Brücke der „Enterprise“, Wirklichkeit ist da, wo Strom fließt.
Das provinzielle Leben beginnt mit dem Druck auf den Ausschaltknopf,
der Reduktion auf den Tellerrand der eigenen Sinnesorgane. Das
Fernweh brachte Menschen dazu, Reisen zu unternehmen, die uns heute
nicht länger übers Dorf hinaus führen, auch wenn der Urlaub auf
Hawaii stattfindet. Fernweh bedeutet, überall zur gleichen Zeit
sein zu wollen, und wunderbarerweise geht das heute, gefahrlos und
preiswert.
Montag, 13. August 2012
ABSCHIED (für Dimitri Gawlita)
Mein
Schwiegervater starb überraschend. In der zweiten Nacht wurde mir
klar, er war nicht nur der Vater meiner Frau, wir waren Freunde. Vor
über zwanzig Jahren hatte er, der etablierte Anwalt, mich, den
freischaffenden, dabei mäßig erfolgreichen Musikanten, in seiner
Familie willkommen geheißen. Bei Familientreffen und -festen wurden
wir nebeneinander gesetzt, die drei Mädels, Mutter und zwei Töchter,
genossen die dadurch geschaffenen Freiräume. Wenn wir US-Amerikaner
wären, hätte er in Washington gelebt und ich in San Franzisko,
beide mit der Sehnsucht, Holzfäller in den Rocky Mountains zu sein,
mit kariertem Hemd und Whiskyflasche in der Jackentasche, nach der
Arbeit ein Teller Bohnen und dann Füße auf den Tisch. Richtige
Männer, frei von Selbstzweifeln. Im Saarland blieb uns die Liebe zur
großen und kleinen Eisenbahn, mit den Jahren kamen eine ganze Menge
gemeinsamer Erlebnisse zusammen. Er stand in der Robe vor Gericht und
leger in der Kanzlei, ich im Anzug auf der Bühne mit der Showband
und in Jeans im Jazzkeller. (Je besser die Musik, desto schäbiger
die Klamotten, gelegentliche Einsätze in Theater und Orchester
ausgenommen, der Kapellmeister will ja nicht mit der Kneifzange
dirigieren.) Er hat viele meiner Auftritte besucht und mir aus seinem
Berufsleben erzählt.
Und
er hatte an seinem Enkel so viel Spaß wie ich an meinem Sohn. Da es
sich um dieselbe
Person
handelt, war eine neue Gemeinsamkeit vorhanden. Er sorgte dafür, daß
im Bücherregal neben Harry Potter auch Eulenspiegel, Münchhausen,
die Schildbürger und Odysseus stehen, ich kümmerte mich um Mau-Mau,
Mensch-ärgere-dich-nicht, Monopoly und Schach. Und immer wieder mal
hatten wir Muskelkater im Genick vom Kopfschütteln über den jeweils
anderen: Wozu braucht der Mensch drei Autos, wenn er nur einen
Hintern hat, der bequem von A nach B befördert werden soll; wozu
braucht der Mensch vier Altsaxophone, wenn er nur einen Mund zum
Tuten hat. Wo das Verstehen nicht mehr ausreicht, behilft man sich
mit Toleranz. Zwei Wochen zuvor saßen wir nach seinem
Geburtstagsessen auf einem Mäuerchen vor dem Lokal, ich legte meinen
Arm um seine Schulter und wir lächelten uns verschmitzt an. Das war
unsere letzte Begegnung.
Samstag, 4. August 2012
ANGEMESSENE ANREDE
„Liebe Zielgruppe
zuhause an den Braun´schen Röhren“ begrüßte ein Moderator am
Ende des letzten Jahrtausends, meines Wissens hieß er Moor, sein
Publikum. Die Braun´sche Röhre ist passé, der Flachbildschirm hat
sich durchgesetzt, das Gerät hat sich äußerlich seinem Inhalt
angeglichen, für die verbliebenen Beiträge mit Tiefgang
reicht als Symbol die
Steckerleiste unterm Tisch. Bezeichnet man sein Publikum als
„Freunde“, „Fans“ oder „liebe Leser“, findet eine
Überrumpelung statt: Es soll doch jedermann offenstehen, ob er mich
als Freund sehen will, meine Texte gut findet, oder überhaupt Lust
hat, zu lesen, was ungefragt aus der Steckdose kommt. Zur
Verdeutlichung ein Beispiel aus meinen Jahren als
Unterhaltungsmusikant: Bierzelt in bester Stimmung, die Kapelle macht
eine Pause, in einer vermeintlich stillen Ecke verzehre ich mit
Appetit eine Bratwurst. Freudestrahlend kommt ein Mensch mit zehn
Glas Bier auf mich zu, neun davon intus, eines überschwänglich
überschwappend schwenkend. Die Prüfung hat begonnen, ich schalte um
von innerer Emigration auf duldsame Freundlichkeit, eingewickelt in
einen sehr langen Geduldsfaden und bedauere zutiefst die Abwesenheit
einer gütigen Schicksalsfee in der Welt, die es gut mit mir meint.
Solch ein Erlebnis kann intellektuell genauso zermürbend sein,
wenn es dabei auch weniger stinkt.
DAS BÜHNENSCHWEIN
Ein
menschliches Wesen, männlich oder weiblich, das sich auf einer
Bühne, im öffentlichen Raum, wohlfühlt, und mit allen Situationen
zurecht kommt, nennt man, als Kompliment gemeint, „Bühnenschwein“.
Wenn Männer besonders männlich wirken wollen, sagen sie
„Rampensau“, mit grollendem „R“ und zischender „Sau“, je
flacher der Witz, desto hoch das Gefühl.
Es
muß im letzten Kindergartenjahr gewesen sein, mein Sohn und ich
waren unterwegs, einkaufen im Supermarkt hinter dem Prinzenweiher.
Auf dem Weg zur Kasse kamen wir am Spirituosenregal vorbei. Ach ja,
einen Wodka würde ich gern mal wieder trinken, kam mir in den Sinn,
und ich streckte den Arm aus, der sofort von zwei kleinen Händen
gepackt und runtergezogen wurde. „NEIN PAPA, KEINEN SCHNAPS
KAUFEN“ Es war deutlich bis
hinter die letzte Thunfischdose zu hören. Vorhang auf, Licht an,
Riesenpublikum, Text vergessen. Erwartungsvoll grinsende Gesichter um
mich herum, man glaubt es nicht, wie viele Menschen sich im
Supermarkt zwischen zwei Regalreihen mal eben so aufhalten.
Das
breiteste Grinsen neben und etwas unter mir, meinen Arm festhaltend.
Versinken?
Verlockend,
aber auch innigstes Flehen kann den Boden unter mir nicht erweichen.
Da quiekt es leise und beruhigend in meinem Hinterkopf: In wievielen
Bierzelten und Mehrzweckhallen hast Du eigentlich in den
letzten zwanzig Jahren als Unterhaltungsmusikant allen Gefahren
getrotzt und tapfer jeden Witz belacht? Jetzt bist Du eben selber mal
einer, geht vorbei! Ich beginne ebenfalls zu grinsen, packe den Wodka
in den Einkaufswagen und schlendere lässig weiter zur Kasse, dabei
locker mit meinem Sohn parlierend. Das Publikum wendet sich
enttäuscht ab, etwas väterliche Verzweifelung hätte es schon sein
dürfen, vielleicht sogar ein Ausraster, aber ohne Gage ist eben
nicht mehr drin.
Ich
bin noch nicht mal rot geworden.
Abonnieren
Posts (Atom)