Mittwoch, 11. Dezember 2013

NAVIGATION

Die Freitreppe, die zur Rezeption im Schwimmbad führt, ist lang und hoch. Sind meine Beine lahm und schwer, fällt es mir auch auf allen Vieren, also mit Krücken, schwer, voran zu kommen. Ich wurde schwach, und beschloß, den Zugang für Behinderte zu benutzen, der irgendwo im Gebäude versteckt ist. Nach dem Schwimmen ging ich zur Kasse und fragte nach dem Weg. Die junge Frau, die Dienst hatte, sie kennen mich alle, deutete zur Seite, dort würde ich am Ende eines Ganges hinter einer Glastür gleich rechts um die Ecke den Aufzug finden. Es sei nicht zu verfehlen, ich müßte nur an dem großen Weihnachtsbaum vorbei, dahinter sei der Gang. Freundlich bedankte ich mich, hielt einen Moment inne, und fragte: Und was mache ich an Ostern? Ein zweifelnder Blick aus großen Augen, dann ein helles Lachen: Sie wird mir einen großen Osterhasen hinsetzen, damit ich mich nicht verlaufe. Ohne Probleme fand ich den Ausgang, glücklich, daß mein Scherz angekommen war. Das ist nicht immer der Fall.

Samstag, 7. Dezember 2013

FEST DES FRIEDENS

Blutrünstig geht es in Bayern zu, genauer in Oberammergau, wenn Verrat und Hinrichtung
als ein Kernstück unseres Glaubens feierlich nachvollzogen werden. Die Welt scheint sich am christlichen Ideal zu orientieren, also alles in Butter?
Was die Butter angeht, gibt es auch friedliches Gedenken. Jesus wurde in einem Stall geboren, der aber keine zugige Holzbaracke gewesen sein muß. Viele Darstellungen zeigen eine Felsengrotte. Sollte das ein aufgelassenes Bergwerk gewesen sein, tief genug, um sich vor den Römern und ihren Spießgesellen zu verstecken? Im Saarland ist diese Sicht der Dinge verbreitet, das Bergwerk eine feste Größe. Deswegen ziehen wir der Dornenkrone den Christstollen vor. Alles in Butter.

Freitag, 29. November 2013

HINGABE

Ein Fanatiker soll ich sein, hat ein Bekannter behauptet. Dabei habe ich gar keine Zeit, mich mit Fanatismus zu beschäftigen. Jede freie Minute sitze ich friedlich am Schachbrett.
Erkenne Dich selbst!

Samstag, 4. Mai 2013

Buch-Haltung

…, ich könnte genau dies zum Prinzip meines Lebens machen: bei großen Ereignissen nicht dabei sein.

Wollte ich überhaupt jemand sein? Ja und nein. Ich drängte hin zum Veröffentlichen, wollte aber gar nicht in der Öffentlichkeit stehen. Ich war ein Einzelgänger, konnte mir nicht einmal vorstellen, in einem Betrieb mit vielen zusammen zu arbeiten. Einzelgänger mit der Sehnsucht nach der Gruppe, mit dem Durst nach Anerkennung. Wollte im Stillen für mich etwas produzieren, um dann nicht als Person, sondern mit dem Produkt an die Öffentlichkeit zu gehen und den Ruhm still zu genießen.

…, am liebsten wäre er stiller Teilhaber seines eigenen Lebens.

Dieser Mensch, der ich bin, hat kein Konzept. Ich weiß nicht aus mir heraus, was ich will. Ich werde genau das werden, was sich am günstigsten anbietet zu dem Zeitpunkt, wo ich mich entscheiden muss.

Die Zitate stammen aus dem Buch: „Bloß keine Einzelheiten!“ von Rainer Petto, erschienen im März 2013. Es ist die Fortsetzung seiner Autobiographie „Ein Kind der fünfziger Jahre“.
Seit Februar 1982 lebe ich im Saarland, zuerst in Dudweiler, seit 1983 in Saarbrücken. In wenigen Jahren bin ich in die Musikszene hineingewachsen und habe nach und nach vom kulturellen Rest das eine oder andere Gerücht aufgeschnappt. Durch das Buch ist aus Geschichten Geschichte geworden, die Wurzeln in meiner Wahlheimat haben sich tiefer gegraben. Das ist der eine Teil des Buches, erzähltes Leben und Erleben mitten zwischen Zeitgenossen, die selbst dann bereichern, wenn sie auf die Nerven gehen.
Die vier Zitate am Anfang deuten den Teil des Buches an, der mich so gepackt hat, daß ich es in einem Rutsch gelesen habe: Rainer hat für mich geschrieben. Ob er das vorhatte, sei dahingestellt, es hat sich so ergeben. Es ist seine Haltung, die er zu Menschen, Gedanken und Ereignissen einnimmt, die aus jedem Kapitel spricht. Und seine Haltung zu sich selbst.
Die erzählte Wirklichkeit, die Sicht der Wirklichkeit, und das Nachdenken über die Sicht der Wirklichkeit, die Fähigkeit zum inneren Dialog. Und das mit Humor.
Man muß nicht wissen, wo Saarbrücken liegt, um das Buch zu lieben.
Erschienen ist es bei epubli, man kann es in jeder Buchhandlung bestellen, die Exemplare werden nach Bedarf gedruckt und geliefert.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Büchsenlicht

„Man sollte Menschen nicht immer gleich für dumm halten, manche haben einfach nur öfter Pech beim Denken.“
Der Spruch hat mir auf Anhieb gut gefallen, meine Selbstachtung profitiert. In Diskussionen
wie auch am Schachbrett bin ich zeitweise vom Pech verfolgt, nehme es jetzt aber als atypisches Phänomen von singulärem Charakter wahr.
Ein Blick ins Küchenregal brachte mich auf die Idee, einen Vorrat an guten Ideen für Notzeiten anzulegen, übersichtlich sortiert und beschriftet wie Konservendosen, den Öffner stets griffbereit daneben. In politischen Debatten, einem intellektuellen Minenfeld, hilft die Dose „junge Erbsen mit Möhren“: Diplomatisches sowohl-als-auch, für jeden Geschmack erträglich, mit der Option, es könnte noch was Festes zum beißen kommen.
„Früchtecocktail, gezuckert“: Ein paar Nettigkeiten in länglicher Büchse, damit es nicht zu plump wirkt. Fürs Schach eine Dose Billiggulasch mit abgelaufenem Verfallsdatum: Kein Wunder, daß ich verloren habe, so krank, wie ich mich fühle. Es ist in der Tat ausgeschlossen, einen gesunden Gegner mit ungetrübter Freude über die eigene Leistung zu besiegen. Und dann noch eine besonders große Dose, wenn auch verdächtig leicht, unbeschriftet, die ich mit den Worten Ich-hab-da-eine-Idee-muß-aber-nochmal-drüber-nachdenken vorzeigen kann. Wilhelm Busch schrieb dazu: „Und da das ganze ein Symbol, kann es nicht schaden, wenn es hohl.“
So kann die Erleuchtung im Notfall aus der Büchse kommen.

Dienstag, 30. April 2013

MAGISCH


Ab und an mal zaubern können, als Kinder haben wir es uns gewünscht, als Erwachsene hätten wir es manchmal bitter nötig. Verblüffende Erkenntnis: Ich scheine es zu können.
Wenn ich das Bad betrete, brennt fast immer das Licht. Beim Verlassen schalte ich es aus. Eine Frage an den Rest der Familie ergibt, niemand hat das Licht brennen lassen. Es bleibt nur eine Erklärung: Der Schalter ist kaputt, das Licht läßt sich nicht ausschalten, nur meinen magischen Künstlerhänden gelingt das ganz lässig.

Sonntag, 21. April 2013

Der Ausweg

Selbst ein Nervtöter wie meine MS-Erkrankung hat skurrile Seiten, die bei mir für Heiterkeit sorgen und so erträglich bleiben. Eines der ältesten Symptome ist eine Lähmung von linker Hand und Arm, die sich unvermittelt einstellt und mich  zum einarmigen Banditen macht. Nach einer Weile verschwindet sie wieder, es bleibt höchstens mal ein leichtes Kribbeln in den Fingern. Mit dem Saxophon auf der Bühne habe ich es überstanden, aber neulich beim Schachabend …
Ich stand vom Brett auf und ging zur Toilette, als die Hand in den Streik trat. In der Kabine versuchte ich, mich anzuziehen, vergebens, dem Knopf an der Jeans war einarmig nicht beizukommen. Ich saß auf dem Deckel, wartete, hörte andere Männer vor der Kabinentür und dachte, ein Kneipenklo nach 22.00Uhr ist ein ungeeigneter Ort, um jemanden um Hilfe beim Hosenknopf zu bitten. Das Problem löste sich irgendwann von selbst, ich kehrte in die Zivilisation zurück.
In meinem Leben gibt es zwei Bereiche, in denen der Frauenanteil deutlich unter zehn Prozent liegt: Die Jazzmusik und das Schach. Glückspilz, der ich bin, habe ich faszinierende weibliche Wesen kennengelernt, die Charakter, Kopf und Aussehen so miteinander verbinden, daß ich keinen Schnaps mehr brauche, um das Leben zu genießen.
Gemeinsam ist ihnen ein Hauch von Melancholie in den Augen, der ihren Abstand von der Oberflächlichkeit ausdrückt. Eine davon, ich nenne sie gern „die weiße Dame“, war bei diesem Schachabend dabei. Ich erzählte, was ich erlebt hatte, sie meinte nur: Du hast doch dein Handy dabei, wenn das nochmal vorkommt, rufst du an und ich hole dich raus. Und wenn dann einer dazukommt und fragt: „Was macht ihr denn hier?“ Dann sagen wir:
„Wir sind zum Schachspielen verabredet.“ Der Moment der Verblüffung sollte ausreichen, um in Ruhe das Weite zu suchen.

Für anja13