Montag, 31. Dezember 2012

GrussBlues

Von den zeitgenössischen Kommunikationsmitteln nutze ich, neben dem Telefon, die Email. Mein Handy bimmelt zweimal am Tag, wenn die Tablettenration fällig ist, ansonsten ist es ausgeschaltet. Mit Emails kann man schnelle Briefwechsel führen und Schach spielen.
Und natürlich grüßen und gegrüßt werden. Besonders witzig sind Grußkarten: Eine Bilderfolge, ein Text, Musik, dazwischen was zum anklicken, das die Sache am laufen hält.
Jeder Gruß für sich ist ein Erlebnis, aber nach dem vierten in Folge fühle ich mich wie in einem Restaurant, in dem beim Menü eine leckere Suppe auf die andere folgt. Ich fange an, mich auf ein Schläfchen zu freuen. So erging es mir dieses Jahr vor Weihnachten, müde glitt die Hand von Maus und Tastatur, mit dem quälenden Gefühl, vielen Freunden bitter unrecht zu tun, versank ich im GrussBlues. Bei jedem werde ich mich wieder melden, ich schwöre es,
aber erstmal stand ich mit beiden Füßen auf dem Schlauch, es ging nix mehr rein und nix mehr raus. Prost Neujahr!

Mittwoch, 19. Dezember 2012

ZUR BERUHIGUNG

(Stichwort: Weltuntergang am 21.12.2012)

Die Maya haben das Rad nicht erfunden. Von der Welt hatten sie auch nicht viel Ahnung, Columbus kam von der anderen Seite. Und Prophezeiungen sind eine heikle Sache, besonders dann, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Mein Zimmer räume ich aber erst am 22. wieder auf, soviel Pragmatismus muß sein.

Nachtrag: Das Ende der Welt habe ich im Schwimmbad abgewartet, einen Untergang wollte ich nicht trocken erleben.

Foto 

Samstag, 24. November 2012

ZANKAPFEL

Fünf Freunde gehen spazieren. Unter einem Apfelbaum am Weg liegen zehn Äpfel. Sie stürzen sich darauf, es kommt zu einer Rauferei, fünf Äpfel werden zertrampelt, am Schluß hat einer zwei Äpfel, drei haben je einen Apfel, einer geht leer aus. Ein anderer Spaziergänger hat die Szene beobachtet und meint, wenn es friedlich abgegangen wäre, hätte ein jeder zwei Äpfel bekommen. Gemeinsam jagen ihn die fünf Freunde davon, was er sich denn einmische, er verstünde nichts davon und solle sich um seinen eigenen Kram kümmern. Nachts, in der Herberge, kann keiner schlafen. Einer hat Angst, daß ihm sein Apfel geklaut wird. Drei grämen sich, weil sie nicht beherzter gerauft haben, sonst hätten sie vielleicht auch zwei Äpfel ergattert. Und einer kann nicht schlafen, weil ihm der Magen knurrt. Der einzelne Passant liegt wach und ärgert sich, weil er sich hat fortjagen lassen.
Ein prima System, sagt die Wirtschaftswissenschaft, Konkurrenz belebt das Geschäft. Jeder bekommt, was ihm zusteht, Leistung muß sich lohnen, ohne daß jemand zum Denken gezwungen wird, was die Sache nur unnötig kompliziert macht. Richtig gut geht es den Mäusen unterm Apfelbaum: Stille Teilhaber, shareholder value. 
(Inspiriert von Jessy durch ein Gespräch über einen Songtext) 

Donnerstag, 11. Oktober 2012

TAUCHSIEDER

Als ich fünf Jahre alt war, erklärte mir meine Mutter, das Wichtigste im Leben sei, glücklich zu werden. Jahre später fragte mich ein Lehrer in der Schule, was ich später mal werden wolle. Ich antwortete: Glücklich!. Er meinte, ich habe die Frage nicht verstanden.
Ich entgegnete ihm, er habe das Leben nicht verstanden.“ Soweit John Lennon.
Dann schrieb mir eine Freundin, sie fände viele meiner Gedanken im Blog sehr inspirierend, sich mit dem eigenen Denken und Handeln zu beschäftigen. Da hab ich mich sehr gefreut, denn wenn mein eigener Hang zum Grübeln und Schmunzeln ansteckend wirkt, jubelt der Gutmensch in mir, der im Sinne John Lennons wirken will. Anatomisch sind wir so eingerichtet, daß das Klopfen auf die eigene Schulter wesentlich leichter fällt als der Tritt in den eigenen Hintern. Also hab ich mir auf die Schulter geklopft und beschlossen: Sollte in der nächsten Zeit ein Heiligenschein um mich aufflammen, werde ich einen Job als Tauchsieder im Hallenbad annehmen, um nebst dem Lebensglück noch die Ökoenergiebilanz zu verbessern. Ehrenamtlich, versteht sich
(Zeichnung von Bernd Kissel)


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Freitag, 28. September 2012

REGIETALENT

Der Regisseur blättert im Drehbuch und sagt den Schauspielern, wie das Leben spielen soll.
Es gibt Drehbücher verschiedener Kategorien: Steht der Held mit dem schönen Mädchen vor dem Traualtar, geht ein wohliges Raunen durchs Publikum: Das Leben ist nicht immer so ungerecht, wie es uns die Medien oft darstellen, die tröstliche Version. Brennt die Braut mit dem Pfarrer durch, macht sich Heiterkeit breit, zumindest bei denen, die Ähnliches noch nicht erlebt haben. Entschwindet der Pfarrer mit dem Bräutigam, wird der Film als Kunstwerk auf einem Festival mit einer Palme prämiert und anschließend im kommerziellen Giftschrank weggeschlossen. Sehen will das keiner. Es gibt aber nicht nur Regisseure. Viel größer ist die Zahl der Regietalente, die mit einem Drehbuch im Kopf durchs Leben gehen.
Nur selten stimmen Anspruch und Wirklichkeit überein, dauernd muß man sich aufregen. Die Begabtesten retten sich im Krisenfall, wenn es nichts zu meckern gibt, in den Konjunktiv. „Wenn Du die Wäsche nicht gewaschen hättest, wäre ich jetzt stinksauer!“
(Tonfall, als wäre sie noch schmutzig.) Ich halte es lieber mit dem Philosophen Franz Beckenbauer, der zu unrecht als Regisseur bezeichnet wird, weil er virtuos flexibel auf jede Spielsituation reagiert hat: „Schaun´mer mal, dann sehn mer schon.“Der Mann hat mit Sicherheit kein Drehbuch im Kopf. Könnten doch alle Regietalente dieser Welt bei Film und Fernsehen unterkommen und mich mit meinem geraden Fünfer in Ruhe lassen.

Montag, 17. September 2012

SEULB

Merlin, Gandalf, Voldemort, die Hexe im Märchen … , wer ihnen begegnet, lebt gefährlich.
Doch kein Zauber droht so Schreckliches, wie der, der seit Generationen in den Kaschemmen der Jazzmusik die Kunstschaffenden bedroht: Singe niemals einen Blues rückwärts! Sofort füllt sich dein Portemonnaie, deine Frau kommt zurück und du bist schlagartig nüchtern. Der arglose Tageslichtbewohner fragt sich, was daran so schlimm sei, aber die Nacht, die nicht allein zum schlafen da ist, hat ihre eigenen Gesetze. Kommt ein Musikant in die Jazzkneipe und es stellt sich heraus, daß er Bargeld bei sich trägt, kann er sich vor Freunden nicht retten. Der Ansturm wird vom Kneipenwirt beendet, der daran erinnert, daß noch Rechnungen aus den letzten sechs Monaten offenstehen. Das Geld reicht nicht ganz, die Freunde gehen leer aus, der Abend will nicht recht in Schwung kommen.
Sitzt einer auf der Bühne und singt, daß seine Frau ihn verlassen hat, kann er sich als Künstler anerkannt und ob seines traurigen Schicksals stellvertretend für alle einsamen Herzen bemitleidet fühlen. Sitzt die Frau zuhause, wartet, daß der Herr zum Abendessen kommt, wenigstens einen Teil der Gage abliefert und dann auf der Couch schläft, weil er stinkt, will das keiner hören, das Publikum will sich im Nachtklub amüsieren, und nicht an Dinge denken , die so schrecklich sind wie die Steuererklärung. „Füllest wieder Berg und Tal still mit Nebelglanz, lösest endlich auch einmal meine Seele ganz.“ So meiert es bieder in den Mittelgebirgen, in der Musikkneipe wie im Mississippidelta wabert der Nebel aus der Schnapsflasche direkt ins Gehirn. Und allein dieser vernebelte Kopf macht das Leben als Nachtklubmusikant erträglich, bisweilen sogar erstrebenswert. Deshalb: Singe niemals einen Blues rückwärts!

Mittwoch, 12. September 2012

MIT SCHACH UND KRACH

Die saarländische Schachjugend feierte ihren 30.Geburtstag. Eine weiße und eine schwarze Dame, letztere in leitender Position, fragten bei mir an, ob ich einen musikalischen Beitrag liefern möchte. Wenn die Spiele gespielt sind, König und Bauern zu ihren alten Schachteln zurückkehren, dann schlägt die Stunde der Grußworte, und der Musikant kann auf ein dankbares Publikum hoffen. Mir fiel auch schnell etwas Passendes ein: So wie es in der Geschichte eine Zeit vor und nach der Erfindung der Dampfmaschine gibt, seit der nichts mehr so ist wie früher, so gab es auch im Schach eine Zäsur, die sich an der Person des ersten Weltmeisters Wilhelm Steinitz sowie seines Nachfolgers Emanuel Lasker festmachen läßt. Das Schach der frühen Jahre ähnelte einer Horde Kinder beim Fußball, alle rennen zugleich hinter dem Ball her und stürmen Richtung Tor, in dem der gegnerische König auf verlorenem Posten steht, denn Verteidigung gab es nur als Begriffsdefinition eines Defizits.
Der Ritter stürmt voran, wer denkt da ans verstecken. Mit Steinitz und Lasker hielt die wissenschaftliche Methode Einzug. Positionsspiel, Stellungsanalyse, ein Plan muß her, der Erfolg kann auch durch einen simplen Mehrbauern errungen werden. Die Ritter hatten das Gefühl, zum Pilzesammeln geschickt zu werden. Doch wer die Nase rümpfte, bekam schnell eins drauf auf dieselbige. Musikalisch läßt sich das darstellen: Der Schachspieler sitzt vor seinen Figuren, der Musikant vor einer Wolke von möglichen Tonfolgen, beide versuchen, zu sortieren und ein kleines Kunstwerk auf den Weg zu bringen. Ich nahm mein Saxophon und spielte für die Ritter einen erdigen Blues, für Steinitz und Lasker nahm ich ein Thema aus dem 2.Satz der 9.Sinfonie von Dvorak, böhmischer Landsmann und Zeitgenosse von Steinitz, das Stück ist bekannt unter dem Namen „Aus der neuen Welt“, wo die beiden ersten Weltmeister viele Jahre verbrachten. Als Tonmaterial für diese zweite Improvisation verwendete ich Klänge aus der jüdischen Kleßmermusik, da die beiden aus Rabbinerfamilien stammten und die Tradition des jüdischen, dialektisch geprägten Denkens sich hier widerspiegelt. Diese Zusammenhänge erklärte ich kurz, bevor ich ein Stück zu spielen begann. Es gab viel Applaus, ich freute mich sehr und ging von der Bühne mit dem Gefühl, wenn ich in meinem Schachklub schon keiner der besten Spieler bin, dann bin ich wenigstens der lauteste. Immerhin, wenn diese Tugend in unserer Disziplin auch eher als zweitranging gilt. (Garry Kasparov möge mir diese Einschätzung verzeihen.)
(für anja13, mit der ich die 64 Felder pflüge)